10.
Im
Schein dieses Sterns bahnt ein Drama sich an,
Ich weiß kaum, wie vor Freude ich halten mich
kann.
Matt hörte Stimmen, anschwellende und abschwellende weibliche Stimmen. Er wusste, dass Kate und ihre Schwestern ihr Bestes gaben, um gegen die Nebelwand anzukämpfen, die böswillig auf der Schnellstraße hockte. Er bewegte sich so rasch und so vorsichtig wie möglich voran. Unter ihm stampfte und dröhnte das Meer, Wogen schlugen gegen die Klippe und schnellten hoch daran empor. Daher spürte er beim Laufen mehrfach die Gischt, die in sein Gesicht sprühte. Felsbrocken und der unebene Untergrund behinderten sein Vorankommen. Der Wind wurde kräftiger, blies grimmig gegen den Nebel an und riss ganze Fetzen mit sich über die aufgewühlte See hinaus.
»Matt!« Jacksons geisterhafte Stimme rief seinen Namen tief aus dem dichten Nebel irgendwo vor ihm. »Sie ist von der Klippe gestürzt. Sie ist nicht im Wasser, aber lange wird sie nicht mehr durchhalten. Such die Ränder ab.« Jacksons Stimme wurde durch den Nebel gedämpft und verzerrt.
»Sieh dich vor, Jackson, die Klippe bröckelt an manchen Stellen ab«, warnte ihn Matt. Er fragte nicht, woher Jackson wusste, dass Elle abgestürzt war. Zum Teufel, er fing tatsächlich an, sich für den einzigen Menschen auf Erden zu halten, der nicht medial veranlagt war und keinerlei übersinnliche Gaben besaß. »Verflucht noch mal, verflucht noch mal, verflucht noch mal.« Er konnte nicht zu Kate zurückkehren und ihr mitteilen, dass Elle tot war. Ihr sagen, sie seien zu spät gekommen. Ihrem Kummer würde er niemals gewachsen sein.
Matt tastete sich zum Rand der Klippe vor und testete vor jedem Schritt, ob der Untergrund sein Gewicht tragen würde. »Elle!« Er hörte, dass Jackson und Jonas in seine Rufe einfielen. Der Ozean antwortete mit einem weiteren gefräßigen Brüllen und reckte sich auf der Suche nach Beute noch höher hinauf. »Verdammt noch mal, Elle, antworte mir.« Er empfand Verzweiflung. Und rasende Wut. Die Furcht um Elle führte dazu, dass ihm ganz flau in der Magengrube wurde. Er verabscheute Untätigkeit. Er war ein Mann, der die Dinge in die Hand nahm und seine jeweilige Aufgabe erledigte. Er konnte grenzenlose Geduld aufbringen, wenn es nötig war, aber er musste wissen, was als Nächstes zu tun war.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bevor Jackson rief: »Ich hab sie gefunden! Ich rufe weiterhin nach euch, damit ihr beide die Richtung findet. Sie kann nicht länger durchhalten. Ich seile mich ab und klettere zu ihr hinunter.«
Obwohl der Nebel die Stimme verzerrte, konnte Matt sich in etwa eine Vorstellung davon machen, wo Jackson war, und sich in seine Richtung bewegen. Jacksons Stimme klang wesentlich ferner, als er das zweite Mal nach ihnen rief, und Matt wusste, dass er sich inzwischen abgeseilt hatte und versuchte, zu Elle zu gelangen, bevor sie ins Meer stürzte. Er hatte in Gefechten Seite an Seite mit Jackson gekämpft und viele geheime Aufträge gemeinsam mit ihm ausgeführt. Jackson war kein Mann, der überstürzt handelte. Wenn er sich jetzt schon abseilte, um zu Elle zu gelangen, dann brauchte sie dringend Hilfe. Er zählte darauf, dass Jonas und Matt sie beide retten würden. Denn er wusste, dass sie ihn niemals im Stich gelassen hätten.
Matt tastete mit der Hand das zertretene Gras ab. Dann legte er sich flach auf den Bauch und überprüfte den abbröckelnden Rand der Klippe, bis er das Seil gefunden hatte.
Jackson hatte das Ende an einem alten Zaunpfahl festgebunden. Matt schnappte nach Luft. Der Zaunpfahl war morsch und löste sich bereits aus dem Boden. »Ich binde das Seil los, Jackson, lass mir einen Moment Zeit«, rief Matt zu ihm hinunter. Er lugte über den Klippenrand.
Jackson nahm den Abstieg nahezu blindlings vor und tastete mit seinen Händen und Füßen nach einem Halt. Elle lag auf einem schmalen Felsvorsprung und klammerte sich an einen kümmerlichen kleinen Baum. Er konnte nur ab und zu einen Blick auf sie erhaschen, während der Nebel aufs Meer hinausgetrieben wurde. Der dichte Dunst kroch an der Klippe hinunter und hielt sich hartnäckig in dem geschützteren Winkel, um dem Rettungstrupp die Sicht zu erschweren.
»Gib mir das Seil«, sagte Jonas, der jetzt direkt hinter Matt war.
Matt reichte es ihm augenblicklich, ohne seinen Blick von dem Geschehen zu lösen, das sich unter ihm abspielte. Der Nebel war dicht und er waberte wüst, doch der Wind ließ in seinem Angriff nicht nach und trieb ihn in faserigen Klumpen aufs Meer hinaus. Andernfalls hätte Matt gar nichts gesehen. Jackson bahnte sich mit größter Sorgfalt einen Weg an der senkrecht abfallenden Felswand hinab. Jonas band das Seil an einem sichereren Halt hinter ihnen fest, außerhalb von Matts Sichtweite.
»Wir hier oben sind bereit, Jackson, gib uns Bescheid«, rief Matt, als Jonas ihm bedeutete, das Seil könne jetzt gefahrlos benutzt werden. »Elle, ich höre nichts von dir.« Er hatte wirklich keinen Ton gehört. Kein Stöhnen, keinen Hilferuf. Es war hochgradig besorgniserregend. Er glaubte zu sehen, dass sie sich aktiv an dem kümmerlichen Baum festhielt, der aus der Klippenwand wuchs, doch je mehr er sich anstrengte, den Nebelschleier mit seinen Blicken zu durchdringen, desto sicherer war er, dass Elle sich nicht rührte.
Als Jackson sie erreichte, hielt Matt den Atem an und wartete. Er fürchtete sich gleichermaßen vor der Antwort wie vor der Stille. Sein Herzschlag übertönte das Tosen des Meeres.
»Sie lebt«, rief Jackson. »Sie hat eine schlimme Beule auf der Stirn und sie ist von Kopf bis Fuß übel zugerichtet, aber sie ist am Leben.«
Matt beugte sich weiter über den Klippenrand, um besser hören zu können. Jacksons Stimme drang zu ihm hinauf. »Bleib ganz still liegen und lass mich dich nach Knochenbrüchen abtasten. Ich bin Jackson Deveau, der Deputy.«
»Dieser Felsvorsprung bröckelt ab.« Elles Stimme bebte. »Jemand hat mich gestoßen. Ich habe niemanden kommen hören, aber sie haben mich runtergestoßen.«
»Jetzt ist alles wieder gut. Rühr dich nicht. Dir kann nichts mehr passieren.« Jacksons Stimme klang beschwichtigend. »Erinnerst du dich noch an mich? Wir sind uns vor langer Zeit einmal begegnet.«
Als er Jacksons beruhigende Stimme hörte, begriff Matt sofort, dass er nur auf sie einredete, damit sie sich nicht noch mehr aufregte. »Jonas, ich glaube, Elle ist verletzt. Jacksons Verhalten lässt darauf schließen.« Mit gesenkter Stimme teilte er dem Sheriff die Neuigkeiten mit, denn ihm war klar, dass auch Jonas es kaum erwarten konnte, etwas über Elles Zustand zu erfahren.
»Ich habe deine Stimme in einem Traum gehört«, sagte Elle. Ihre Worte kamen so undeutlich heraus, dass Matts Herzschlag stockte. »Du hattest Schmerzen. Grässliche Schmerzen. Jemand hat dich gefoltert. Du warst in einem winzigen Kämmerchen. Ich kann mich noch deutlich daran erinnern.«
Matt erstarrte. Hinter ihm war Jonas wie gelähmt, da er Elles Worte offenbar auch gehört hatte.
»Dann weißt du ja, dass du bei mir in Sicherheit bist. Du hast mir geholfen, als ich Hilfe brauchte. Und ich hole dich jetzt da raus. So funktioniert das nun mal unter Seelenverwandten.«
Matt hatte noch nie erlebt, dass der wortkarge Jackson zu irgendjemandem so viel auf einmal sagte. Er blickte hinter sich und sah Jonas ins Gesicht. Der Nebel auf der Schnellstraße lichtete sich. Der Wind kam jetzt in Böen, die gegen die Klippe trafen und davon abprallten, um den dichten Dunst von Elle und Jackson fortzustoßen. Jackson redete nie über seine Gefangennahme und auch nicht über die Behandlung, die er erfahren hatte. Er sprach nie von der Flucht, die daraufhin erfolgt war, oder von den Schwierigkeiten, die es ihm bereitet hatte, ein kleines, bunt zusammengewürfeltes Grüppchen von Gefangenen durch die feindlichen Linien zu ihrer Truppe zurückzuführen.
Es überraschte jedoch keinen von beiden, dass eine Drake-Schwester über Einzelheiten Bescheid wusste, in die nicht einmal Matt und Jonas eingeweiht waren.
»Kannst du dich beim Aufstieg an mir festhalten?«, fragte Jackson. »Ich kann dich aber auch hochziehen lassen. Matthew Granite und Jonas Harrington stehen oben in Bereitschaft und erwarten dich. Dabei wirst du dir allerdings zwangsläufig ein paar weitere Prellungen zuziehen.«
»Ich würde mich sicherer fühlen, wenn ich mit dir käme, aber es scheint, als verlöre ich zwischendurch immer wieder das Bewusstsein. Dann ist plötzlich alles ganz weit weg«, antwortete Elle.
Matt spürte den Ruck am anderen Ende des Seils und wusste, dass Jackson Elle festband.
»Wenn das so ist, klettern wir gemeinsam rauf«, sagte Jackson. »Ich lasse nicht zu, dass dir etwas zustößt.«
»Ich weiß, dass du das niemals zulassen würdest.« Elle schlang ihm die Arme um den Hals und kroch vorsichtig auf seinen Rücken. Matt spürte einen weiteren Ruck und wusste, dass Jackson ihren Körper mit dem Seil an seinem festband.
»Dein Arm ist gebrochen. Kannst du dich überhaupt festhalten?«
»Die Alternative behagt mir nicht allzu sehr und Libby hält die Schmerzen von mir fern.«
Matt schüttelte den Kopf. Libby Drake, die Ärztin. Eine Frau, von der es hieß, sie besäße die Gabe, aussichtslose Fälle zu heilen. »Wusstest du, dass Libby irgendwo in der Nähe ist?«, fragte er Jonas.
Jonas schüttelte den Kopf. »Ich wusste, dass sie über Weihnachten nach Hause kommt, aber nicht, dass sie schon auf dem Weg hierher ist. Aber das ist bei den Drakes nichts Ungewöhnliches. Sie sind alle in irgendeiner Form miteinander verbunden und sie neigen dazu, alles gemeinsam zu tun.«
Jacksons Stimme drang zu ihnen hinauf. »Gut. Ich mache mich jetzt an den Aufstieg, Elle. Es wird wehtun.«
Elle presste ihr Gesicht an Jacksons breiten Rücken. Matt beobachtete, wie Jackson den Aufstieg vornahm. Vor jedem Schritt testete er sorgfältig, ob sie wirklich Halt fanden. Matt und Jonas hielten das Seil gerade straff genug, um ihm den Aufstieg an der senkrechten Felswand zu ermöglichen. Als Jackson auf halber Höhe war, gab der Nebel schlichtweg auf und zog sich vor den heftigen Attacken des Windes zurück. Matt beugte sich hinunter, um Elle zu packen, als Jackson die Spitze der Klippe erreicht hatte.
Matt schnürte das Seil los und legte Elle behutsam auf den Boden. »Ich laufe zu einem unserer Fahrzeuge und bestelle über Funk einen Krankenwagen«, sagte Jonas.
Elle schüttelte den Kopf. »Libby ist schon unterwegs. Sie wird mich wieder zusammenflicken.« Sie drehte ihren Kopf um und sah Jackson an. »Danke. Ich hätte nicht geglaubt, dass mich jemand finden würde, aber du hast mich da rausgeholt.« Sie tastete die Beule auf ihrer Stirn ab. »Ich weiß, dass ich nach dem Sturz nicht bei Bewusstsein war.«
Jackson zuckte die Achseln und sah Matt und Jonas an, schüttelte den Kopf und blieb stumm. Ein Wagen hielt neben ihnen an und Libby Drake sprang heraus, mit einer schweren schwarzen Ledertasche in der Hand. »Wie schlimm sind die Verletzungen, Jonas?«
»Es ist halb so wild, Libby«, protestierte Elle.
Libby ignorierte sie und sah Jonas fragend an, um die Wahrheit zu erfahren, während sie sich neben ihre Schwester kniete. Jackson antwortete ihr. »Ich glaube, ihr linker Arm ist gebrochen. Sie hat eindeutig eine Gehirnerschütterung und sie hat sich die Rippen entweder geprellt oder möglicherweise sogar gebrochen. Ihre linke Seite ist sehr empfindlich. Am linken Bein hat sie eine offene Wunde, die so aussieht, als sollte sie besser genäht werden. Abgesehen davon hat sie unzählige Prellungen.«
»Ich will nicht ins Krankenhaus, Libby«, protestierte Elle.
»Das ist ein Jammer, Schätzchen, denn ich denke, genau da fahren wir jetzt hin und untersuchen dich.«
Libbys Wort war offenbar Gesetz. Elle protestierte wiederholt, doch niemand schenkte ihr Beachtung. Matthew hielt im Wartezimmer Kates Hand, während Libby alle erforderlichen Untersuchungen vornahm und Elle schließlich für den Rest der Nacht in ein Krankenhausbett packte.
Kate schmiegte sich an Matts robusten Körper und blickte zu ihm auf. »Danke. Ich weiß nicht, was wir getan hätten, wenn ihr sie nicht gefunden hättet, du, Jonas und Jackson. Sie sieht total lädiert aus.« Ihre Stimme stockte.
Matt schlang augenblicklich seine Arme um sie. »Ich bringe dich nach Hause. Zu mir nach Hause. Dort kannst du dich ausruhen, Kate. Elle ist in guten Händen, du hast ihr zehn Küsse gegeben und Libby wird über Nacht bei ihr bleiben. Besser aufgehoben könnte sie gar nicht sein. Jackson hat ihren Wagen zu eurem Haus gefahren und ihn dort für sie abgestellt. Es gibt also nichts mehr zu tun. Komm mit mir nach Hause, Katie. Lass mich für dich sorgen.«
»Du hast dringend eine Rasur nötig«, bemerkte sie, während sie ihn mit verlangenden Blicken betrachtete.
Sie gingen gemeinsam zu seinem Wagen. Matt lächelte, denn er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit ihr zusammen zu sein. Er rieb sein Kinn. »Du hast recht, ich muss mich wirklich rasieren. Wenn ich nicht sorgsamer darauf achte, wird nicht nur dein Gesicht von meinen Bartstoppeln aufgescheuert sein, sondern auch noch ganz andere Stellen.«
Sie errötete bezaubernd. »Schon passiert.«
Er hielt ihr die Wagentür auf und legte eine Hand unter ihr Kinn, bevor sie einsteigen konnte. »Im Ernst?« Schon allein der Gedanke ließ ihn steif werden.
Kate nickte. »Es ist nett, eine bleibende Erinnerung zu haben.« Es war mehr als nett. Die Erinnerung daran, wie diese Spuren zustande gekommen waren, ließ sie vor Verlangen glühen.
Matt zerrte sie grob an sich und sein Mund bemächtigte sich ihrer Lippen. Es schien schon viel zu lange her zu sein, seit er das letzte Mal Gelegenheit gehabt hatte, sie zu küssen. Sie ganz für sich allein zu haben. »Ich will dich schleunigst nach Hause bringen, damit ich dich in mein Bett packen kann. Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass du mit mir zusammen bist.«
Sie lachte. »Was meinst du, wie ich mich erst fühle!«
Kate lehnte ihren Kopf an die Rückenlehne des Beifahrersitzes und sah ihn an. Das Lächeln schwand von ihrem Gesicht. »Matt, du hättest keinen Wunsch an die Schneekugel richten dürfen. Das ist kein gewöhnlicher Weihnachtsschmuck.«
Er warf einen Blick auf sie und sah dann wieder auf die Straße. Sein Gesichtsausdruck war ernst. »Nichts an dir oder deiner Familie ist gewöhnlich, Katie. Ich wusste genau, was ich tue.«
Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, schüttelte den Kopf und sah aus dem Fenster in die Nacht hinaus.
Matt hätte gern etwas gesagt, was ihr Sicherheit gab. Aber vielleicht war auch er derjenige, der sich etwas beteuern lassen musste. Kate wehrte sich immer noch gegen den Gedanken an eine langfristige Beziehung und er war nicht sicher, ob es ihm gelingen würde, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Als er mit Kate an seiner Seite vor seinem Haus vorfuhr, wusste er nicht, wo er mit seinen Erklärungen anfangen sollte, um ihr begreiflich zu machen, wie hundertprozentig richtig ihm die Situation vorkam. Er blieb in seinem Wagen sitzen und blickte zu dem Haus mit den vielen Aussichtsfenstern und den geräumigen, einladenden Baikonen in jede Richtung hinauf. »Ich habe dieses Haus für dich gebaut. Ich habe sogar eine Bibliothek und zwei Büros in die Planung einbezogen, nur für den Fall, dass du dein eigenes Büro haben möchtest. Vor ein paar Jahren, kurz nach meiner Rückkehr, habe ich Sarah gefragt, welche Umgebung du beim Schreiben bevorzugst, und sie hat gesagt, am liebsten sei dir ein Zimmer mit Aussicht aufs Meer und leiser Musik. Ich habe auch einen Kamin eingebaut, nur für den Fall, dass du zur Anregung eine solche Atmosphäre brauchst.«
Kate blinzelte gegen ihre Tränen an und küsste ihn. Was hätte sie dazu sagen können? Alle Einwohner des Städtchens kannten Sarah. Sarah war das reinste Wunder. Sie konnte Steilwände und Klippen erklimmen und sie wusste von Dingen, bevor sie geschahen. Sie konnte aus Flugzeugen springen und an hohen Gebäuden hinaufklettern. Sarah lebte ihr Leben. Sie lebte, statt zu träumen oder in ihrer Phantasie zu leben wie Kate.
Matt nahm ihre Hand und zog sie aus dem Wagen. »Ich habe dein Büro schalldicht ausgekleidet, damit der Lärm dich nicht stört.«
»Welcher Lärm?« Sie wusste, dass es unklug war, ihm diese Frage zu stellen, aber sie konnte es nicht lassen.
»Der Lärm, den unsere Kinder machen werden. Du willst doch Kinder, nicht wahr? Ich fürchte, die Granites sorgen vorwiegend für männlichen Nachwuchs. Ich habe keine einzige Cousine, nur Cousins. Du magst doch Jungen, oder nicht?«
Kate wandte den Blick von ihm ab und sah auf das tosende Meer hinaus. Sarah würde Kinder haben. All ihre Schwestern würden Kinder haben. Sie würde wahrscheinlich all diesen Kindern Geschichten erzählen. Vielleicht hätte sie diejenige sein sollen, die sich etwas von der Schneekugel wünschte. Vielleicht hätte sie sich den Mut wünschen sollen, das Richtige zu tun.
»Katie, wenn du keine Kinder willst, werde ich auch mit dir allein glücklich. Das weißt du doch, oder nicht?« Er schloss die Haustür auf und trat zur Seite, um ihr den Vortritt zu lassen. »Kinder wären wunderbar, aber sie sind keine Notwendigkeit. Falls wir welche bekommen können. Irgendwann in ferner Zukunft, nachdem ich endlose Zeit damit zugebracht habe, dich überall im ganzen Haus zu lieben.«
Kate ging geradewegs auf den Weihnachtsbaum zu. Sie wollte Matt. Sie wollte ihn haben, so lange sie konnte. Sie schluckte ihre Tränen, hob ihr Kinn und sah ihn lächelnd an. »Die Idee gefällt mir. Mich überall im ganzen Haus von dir lieben zu lassen. Würdest du die Lichter auf dem Weihnachtsbaum anschalten? Ich liebe diese Miniaturlichter.«
Matt schaltete die Lichter für sie an. Sein Haus war dunkel und still und konnte recht kühl sein. Er hatte sich nie die Mühe gemacht, schwere Vorhänge im Wohnzimmer anzubringen, da er keine unmittelbaren Nachbarn hatte, und die Fensterfront wies ohnehin zum Meer. Kate ließ ihre Handtasche auf den nächstbesten Stuhl fallen und trat sich die Schuhe von den Füßen. »Es ist schön, nach Hause zu kommen. Ich möchte diese eine Nacht lang an Weihnachten denken und nicht an etwas Grässliches, was aus dem Nebel kommt, um allen Leid anzutun.« Sie blickte zu ihm auf und ihre großen Augen waren traurig. »Glaubst du, wir schaffen es, eine Nacht ganz für uns allein zu haben, Matthew?«
»Ich weiß es nicht, Katie. Ich hoffe es. Ich überprüfe nur schnell, ob im Haus und in den Räumen darunter alles in Ordnung ist. Ich bin gleich wieder da.« Er glaubte nicht, dass er schlafen konnte, bevor er den Sand draußen nach eigenartigen Fußspuren abgesucht hatte. Ja, er glaubte, sie vorher nicht einmal in seinen Armen halten zu können.
»Das ist eine gute Idee. Ich mache uns inzwischen ein Bett. Du hast doch nichts dagegen, wenn wir hier neben dem Baum schlafen, oder?«
Matt sah sich in dem geräumigen, weitläufigen Wohnzimmer um. Die Miniaturlichter gingen an und aus und Farben huschten über die Wände und die hohe Decke. »Das würde mir gefallen, Kate.«
Er lief um das Haus herum, überprüfte die Räume unter der Veranda und suchte den Strand nach Spuren eines unerwünschten Eindringlings ab. Er hatte das Gefühl, der Feind sei ebenso erschöpft wie sie es waren. Er warf einen Blick aufs Meer hinaus. »Was hältst du davon, uns eine Verschnaufpause zu gönnen, Kumpel«, murmelte er leise. »Ich weiß zwar nicht, weshalb du so unglaublich aufgebracht bist, aber Kate hatte nichts damit zu tun.«
Über ihm öffnete der Himmel seine Schleusen und ein Regenguss ging herunter. Matt grinste lakonisch und eilte ins Haus zurück. Zurück zu Kate. Das Gasfeuer im Kamin war angeschaltet und die »Scheite« brannten munter. Auf dem Kaminsims waren mehrere Kerzen angezündet. Der Duft von Beeren hing in der Luft. Im flackernden Lichtschein sah er Kate, die nackt auf dem Bettzeug lag. Ihr Körper war wunderschön anzusehen, als sie sich träge auf der Matratze rekelte und die Lichter des Christbaums beobachtete. Der Anblick verschlug ihm den Atem und seine Lunge brannte, als er in der Tür stehen blieb und voller Erstaunen das unglaublichste Weihnachtsgeschenk anstarrte, das er sich vorstellen konnte. Genau so empfand er sie nämlich. Als sein Weihnachtsgeschenk. Für den Rest seines Lebens würde er diese Jahreszeit lieben.
»Matthew.« Sie drehte sich um und lächelte ihn an. »Komm, leg dich zu mir.«
Jetzt bekam er die wahre Kate Drake zu sehen. Nach außen hin erschien sie makellos, vollkommen und unerreichbar, doch in Wirklichkeit war sie verletzbar und zerbrechlich und dabei doch so ungeheuer mutig. Kate brauchte einen Schutzschild und diese Rolle würde er mit dem größten Vergnügen übernehmen. Er konnte sich zwischen sie und den Rest der Welt stellen. »Lass mir ein paar Minuten Zeit, Kate.«
Kate wandte sich dem Baum wieder zu und beobachtete die Lichter, die blinkend an- und ausgingen, viele verschiedene Farben, die über die Wand flackerten. Es war himmlisch, einfach nur dazuliegen und sich auszuruhen. Sich zu entspannen. Aber noch mehr als alles andere liebte sie es, Matts lodernde Blicke auf sich zu fühlen. Er gab ihr das Gefühl, wunderschön und etwas ganz Besonderes zu sein. Er war ein großer, kräftiger Mann und es war ein Geschenk, seine Hände auf ihrem Körper zu spüren und zu sehen, wie sich sein Körper bei ihrem Anblick regte. Ein kostbares Geschenk.
Kate fühlte die Bettwäsche kühl auf ihrer Haut und sah, wie die Lichter auf ihrem Körper spielten. Sie malte sich aus, seine Hände auf ihrer Haut zu spüren. Seine Blicke, die über ihren Körper glitten. Schon allein der Gedanke an ihn weckte glühendes Verlangen in ihr. Ein leises Geräusch schreckte sie auf, und als sie aufblickte, sah sie ihn über sich aufragen. Im ersten Moment verschlug es ihr den Atem. Sie sog seinen Anblick in sich ein. Seine kräftigen Beine und seine muskulösen Oberschenkel. Seine erstaunliche Erektion. Seinen flachen Bauch und seine breite, muskulöse Brust. Und zum Schluss seine Augen. Sein Blick hatte sich verschleiert und dadurch etwas unglaublich Verführerisches angenommen. Jetzt loderten seine Augen voller Intensität und Glut. »Du verschlägst mir den Atem.« Das war eine alberne Bemerkung, aber es entsprach der Wahrheit. Sie klopfte auf das Bettzeug neben sich. Sie wollte ihn berühren, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich da war. Ihn ganz real unter ihren Fingerspitzen fühlen.
»Eigentlich sollte ich das zu dir sagen.« Er streckte sich neben ihr aus und zog sie in seine Arme, um sie an sich zu schmiegen. »Ich möchte sehr lange Zeit mit dir hier liegen.«
Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und kuschelte sich noch enger an ihn. »Ich hätte nichts dagegen, für den Rest des Winters hier zu bleiben und mich mit dir in unserer eigenen, ganz privaten Welt abzukapseln.« Sie streckte sich träge und genoss es, sich entspannen zu können. Und so zärtlich von ihm in den Armen gehalten zu werden.
Matt wusste, dass sie müde war, und ihm genügte es, sie in seinen Armen zu halten, obwohl sein Körper gegen diesen Vorsatz tobte und ihr Körper so weich und so einladend war und sich ihm bereitwillig darbot. Sein Mund glitt seitlich über ihren Hals. Sie schmiegte sich noch enger an ihn und wandte ihren Kopf dem Weihnachtsbaum zu, damit er besser an ihren Hals herankam.
»Ich liebe deinen Geruch«, sagte er. Da er einfach nicht widerstehen konnte, ließ er seine Handfläche über ihre Haut gleiten. Nie hatte er etwas so Zartes gefühlt. Er zeichnete mit einem Finger ihre Rippen nach, eine behutsame Erkundung, die keinerlei Forderung enthielt. Er wollte sie lediglich anfassen. Ihr zarter Bauch lockte ihn an, was für einen Mann, der auf Brüste fixiert war, ziemlich rätselhaft war, doch es gefiel ihm, wie sie jedes Mal wieder, wenn er sie dort streichelte, reagierte.
Kate lächelte. »Ich liebe es, deine Hände auf meinem Körper zu fühlen.«
»Ich konnte meine Hände nie leiden. Es sind Arbeiterhände, rau und groß und für handwerkliche Arbeiten bestimmt.«
»Du meinst wohl, sie sind dazu bestimmt, einer Frau Lust zu bereiten«, widersprach sie ihm und nahm seine Hand, um sie an ihre Lippen zu führen. Sie küsste die einzelnen Glieder seiner Finger, knabberte an seinen Fingerspitzen und sog einen Finger in ihren Mund.
Ihm stockte der Atem, denn er verzehrte sich vor Liebe und glühendem Verlangen. »Alles an dir ist so verflucht feminin, Kate. Manchmal fürchte ich, wenn ich dich anfasse, könntest du kaputt gehen.« Er maß ihr Handgelenk, indem er seinen Daumen und seinen Zeigefinger darum schloss.
Sie lachte und rieb ihren Körper liebevoll an seinem. Sie hatte fast schon etwas von einer zufriedenen Katze. »Ich bezweifle, dass du dir deshalb Sorgen machen musst. Ich gehe nicht so leicht kaputt. Diese Geschichte mit dem Nebel erschöpft mich, aber ich erhole mich schnell.« Sie zog die Stirn in Falten, obwohl sie gerade eine Fingerspitze über die stämmige Säule seines Oberschenkels gleiten ließ. »Aber um Hannah mache ich mir schon Sorgen. Und jetzt auch noch um Elle.«
Ihm war sehr deutlich bewusst, wie dicht ihre Finger an seine pochende Erektion herangekommen waren. Jetzt trommelten sie rhythmisch auf seinem Oberschenkel. Sein Bauch spannte sich an und sein Blut wurde zähflüssiger. Die Lichter auf dem Weihnachtsbaum, die blinkend an- und ausgingen, waren im Einklang mit dem Trommeln ihrer Finger. Jedes Pochen ihrer Finger brachte seinen ganzen Körper in Wallung. »Die Ärzte haben gesagt, Elle würde es bald wieder gut gehen. Sie wird allerdings irrsinnige Kopfschmerzen haben. Und Jackson hatte recht, was ihre Rippen und ihren Arm angeht, aber wenn Libby in der Nähe ist, wird auch das schnell wieder heilen.«
Matt legte seine Hände unter ihre Brüste und neckte mit seinen Daumen ihre Brustwarzen, bis sie hart wie Kieselsteine waren. Er spürte ihre Reaktion und hörte, wie sie nach Luft schnappte. Eine sanfte Röte hatte ihren ganzen Körper überzogen. »Es erscheint mir wie ein Wunder, dass ich dich so berühren kann. Ich frage mich, ob alle anderen Männer auch wissen, was für ein Wunder der Körper einer Frau ist.«
»Und ich dachte die ganze Zeit, der Körper eines Mannes sei das eigentliche Wunder.« Kate ließ ihre Fingernägel zart über seinen Bauch gleiten.
»Vielleicht besteht das Wunder aber auch einfach nur darin, dass es mir endlich gelungen ist, dich davon abzubringen, dass du dich noch länger vor mir versteckst«, beschloss Matt. Er senkte den Kopf, ließ seine Zunge über ihre Brustwarze schnellen und unternahm dann einen Streifzug, auf dem er sie träge umkreiste. Sie veränderte ihre Haltung so, dass ihm der Zugang noch mehr erleichtert wurde.
»Ich habe mir Gedanken über den Nebel gemacht. Irgendetwas stimmt da nicht.«
»Wie meinst du das?« Er hob den Kopf, um sie anzusehen, und zog eine Augenbraue hoch. Der Schein der roten, grünen und blauen Lichter tanzte spielerisch auf ihrem Bauch herum. Ein leuchtend rotes Lämpchen warf seinen Schimmer auf das kleine gelockte Dreieck zwischen ihren Beinen. Das lenkte ihn ab und erschwerte es ihm, sich auf ein Gespräch zu konzentrieren. Er hielt seine Hand mitten in den blinkenden Lichtstrahl und sah sich an, wie seine Finger die Locken streichelten. Als er spürte, dass Kate erschauerte, stieß er seinen Finger tief in ihre warme, feuchte Scheide. Sie kam ihm entgegen und ein leises Stöhnen entrang sich ihr. Sein Mund fand ihre Brust und saugte kräftig daran. »Woran denkst du, Kate?« Seine Zunge vollführte einen Wirbel um ihre Brustwarze und er stieß seinen Finger tiefer in sie, bis sich ihre Hüften unablässig hoben und senkten.
»Er hat es nicht auf Hannah abgesehen. Warum greift er mich an? Oder Elle? Und sogar Abbey? Er sollte sich auf Hannah stürzen. Sie ruft den Wind herbei, der ihn aufs Meer hinaustreibt. Sie ist diejenige, die ihm Einhalt gebietet.« Ihre Worte kamen abgehackt heraus. Sie keuchte, wurde immer enger und zog sich mit alarmierendem Druck um seinen Finger zusammen. Die Leidenschaft, die sie mit Matthew verband, war die reinste Magie.
»Zieh die Klammern aus deinem Haar«, flüsterte er mit rauer Stimme. »Ich liebe es, wenn dein Haar gelöst ist. Du siehst sehr sexy aus, wenn du es offen trägst.«
»Du findest mich immer sexy, ganz egal, wie ich aussehe«, hob sie hervor.
Seine Zähne neckten ihre Brustwarze und knabberten daran. »Das ist wahr, aber dein Haar liebe ich ganz besonders.«
»Du wirst es nicht mehr lieben, wenn es auf dich fällt und dich überall streift.« Aber sie hob die Arme und zog die Haarnadeln heraus. Sie flogen nach allen Richtungen, als er ihr Becken umdrehte, sich auf sie legte und sich tief in sie stieß.
Sie schrie auf, als er in sie drang. Blitze tanzten durch ihr Blut. »Matthew.« Es war ein Flehen um Gnade, und dabei hatte er noch gar nicht angefangen.
»Wir haben alle Zeit der Welt, Katie«, flüsterte er und seine Lippen glitten über ihren Hals, ihr Kinn und zu ihrem Mund hinauf. Seine kräftigen Hüften verharrten still und warteten. Sie hielt den Atem an. Er stieß fest zu und begrub sich tief und vollständig in ihr. Es war eine Heimkehr. Sie war samtig weich und eng und glühend heiß. Er wünschte sich eine lange Nacht mit ihr, die er ohne jede Eile verbringen wollte. Seine Hände fuhren die Umrisse ihres Körpers nach und streichelten und liebkosten sie überall.
»Ich habe nicht das Gefühl, dass wir alle Zeit der Welt haben«, protestierte sie atemlos und wölbte ihm ihre Hüften entgegen. »Ich habe das Gefühl, jeden Moment in Flammen aufzugehen.«
»Dann tu es«, spornte er sie an. »Komm hundertmal für mich. Komm immer wieder. Schrei für mich, Kate. Ich liebe dich so sehr. Ich liebe deinen Anblick, wenn du für mich kommst. Und ich liebe deinen Körper, jeden einzelnen Quadratzentimeter. Ich möchte die Nacht damit verbringen, dich anzubeten.«
Kate wünschte sich dasselbe. Sie schrie tatsächlich, und sie krallte ihre Finger in die Laken, um einen weiteren Halt zu haben, als ihr Körper zersplitterte und sie ins All geschleudert wurde. Sie hätte nicht sagen können, ob sich der Farbenrausch hinter ihren Augen abspielte oder ob es die blinkenden Lichter des Weihnachtsbaums waren. Sie stellte jedoch fest, dass das überhaupt keine Rolle spielte, als er ihre Hüften fest umfasste und von Neuem begann, mit langsamen, tiefen Stößen in sie einzudringen.